Mitte April ist Bill Hybels, Leitender Pastor und Gründer der Willow Creek Community Church, vorzeitig von allen Aufgaben zurückgetreten. Grund sind Vorwürfe von ehemaligen Angestellten der Gemeinde. Sie werfen Hybels sexuelles Fehlverhalten und Machtmissbrauch vor, darunter zu lang empfundene Umarmungen, Einladungen in den Besprechungsraum seines Hotelzimmers während internationaler Reisen, anzügliche Bemerkungen gegenüber Frauen und einen ungewollten Kuss. Das Fehlverhalten soll in früheren Jahren der Gemeindearbeit stattgefunden haben. Die Ältesten der Gemeinde hatten in den zurück­liegenden Jahren umfangreiche interne und externe Untersuchungen eingeleitet. Die Tageszeitung ›Chicago Tribune‹ berichtete im April ausführlich über den Fall. Mit dem nun erfolgten Rücktritt soll die vollständige Aufklärung nicht behindert, wohl aber Schaden von der laufenden Gemeindearbeit abgewendet werden.


Das Willow Creek Magazin fragte den 1. Vorsitzenden Ulrich Eggers sowie Geschäftsführer Karl-Heinz Zimmer von Willow Creek Deutschland nach ihrer Sicht auf den laufenden Prozess von Vorwürfen und Klärungen.

Wir haben in Deutschland einen sehr erfolgreichen Leitungskongress hinter uns – nun kommen diese Vorwürfe in den USA ans Licht und sorgen für viel Verunsicherung. Wie ist ist eure Reaktion?

Ulrich Eggers: Vermutlich geht es uns zuerst einmal wie wohl jedem, der unserer Arbeit verbunden ist und viele gute Erfahrungen mit ihr verknüpft: Da ist große Überraschung, Sorge, Trauer, Schmerz und auch ein Stück Verwirrung und viele widerstreitende Gefühle. Ganz klar und zuerst einmal: Diese Vorwürfe in den USA müssen wir sehr ernst nehmen und dürfen sie keinesfalls vorschnell harmonisieren – den anklagenden Frauen gehört unser voller Respekt, gerade weil Willow Willow ist und es letztlich immer um Jesus und seine Gemeinde geht. Es darf da kein falsches Zudecken geben! Zugleich sind wir als deutscher Zweig der Arbeit natürlich loyal gegenüber unseren Partnern in der Willow Creek Association und in der Gemeindeleitung von Willow Creek, und haben den Eindruck, dass die Prozesse nach anfänglichen Problemen jetzt gut laufen. Wir machen auch von unserer Seite aus Mut, mit aller Kraft Klarheit zu schaffen und die Stimme der beteiligten Frauen offen zu hören, zu prüfen und Recht zu schaffen, wenn Unrecht geschehen ist. Natürlich bedauern wir, dass es zu dieser Eskalation gekommen ist und betrauern den großen Schaden, der dadurch weltweit auch für die Leitungskongress-Bewegung angerichtet wird. Aber auch da gilt mit dem Willow-eigenen Anspruch: Klarheit und Klärung ist die beste Voraussetzung dafür, dass diese gute und segensreiche Arbeit weitergeht und solche Probleme und Krisen übersteht. Die Leitungskongresse waren immer ein Konzert inspirierender Stimmen, aber natürlich ist Bill Hybels mit seiner Vision ein wichtiger Anker und Inspirator, der uns sehr fehlen würde. Ich verdanke ihm viel und bleibe sehr dankbar dafür – zugleich hoffe ich, dass er sich jetzt an seine eigenen Maßstäbe erinnert und klärt, was zu klären ist.

Karl-Heinz Zimmer: Was sicherlich nicht ganz einfach ist. Vieles hat Bill ja vollkommen überrascht, jedenfalls die Art der Vorwürfe und dass einige gleich über die Presse erhoben wurden. Sicher, er hat in seiner Rücktrittserklärung geäußert, dass er sich selbst durch unweise Entscheidungen in kompromittierende Situationen gebracht hat und dass er eine Zeit der Reflexion und Besinnung braucht. Dazu wünsche ich ihm Gottes Beistand und die Begleitung durch aufrichtig-barmherzige Menschen.
An der Stelle wird mir aber auch glockenklar deutlich, wie existenziell wichtig eine Kultur der Gnade in (unseren) Gemeinden ist. Wenn ich ehrlich bin, fühle ich in mir nämlich auch richtig Ärger und „bekomme so einen Hals“, wie die Dinge laufen. Nicht, dass da Vorwürfe erhoben werden, sondern wie es geschieht und über die Öffentlichkeit vorgebracht wird. Bei dem, was substanziell an Vorwürfen im Raum steht, hätten die Betroffenen in Jahrzehnten keinen Weg zueinander finden können? Viele Menschen bei uns, aber auch in der Willow-Gemeinde verstehen das nicht. Ich glaube, Jesus hätte das so auch nicht gewollt.

Wieviel von den Vorwürfen haben mit der laufenden ›MeToo-Bewegung‹ zu tun, wieviel sind einfach auch Probleme einer großen ›Firma Gemeinde‹? Willow Creek hat ja über 400 Angestellte.

Eggers: Das können wir von Deutschland aus nicht beurteilen – all das spielt sicher eine Rolle, sollte aber nicht als Ausflucht oder falsche Entschuldigung dienen. Klar ist, dass sich die Vorwürfe schlicht klären müssen, dass man mit Zeit und neutralen Ohren hinhören und dass es für alle Seiten Klarheit und einen neuen Anfang geben muss. Sicher ist es so, dass bei Vorwürfen, die zum Teil 20 Jahre zurückliegen, manches im Licht der heißen Debatte heute anders aussehen kann oder gewertet wird, als es damals einmal gemeint war. Klar ist auch, dass die gesamte Arbeit bei Willow ja aus einer Jugendarbeit heraus gestartet wurde, bei der es ein persönliches und lockeres Miteinander gab. Aber auch das darf keine billige Entschuldigung für mögliche Grenzüberschreitungen sein. Und natürlich kollidieren in einer großen Organisation auch mal Werte: In den USA gibt es auch im Gemeindebereich eine ›Hire & Fire‹-Mentalität, die hierzulande befremdet. In einer großen Organisation wird es da immer wieder auch ein Stimmenkonzert und schmerzliche Brüche geben - einige der anklagenden Frauen sind ja gekündigte Mitarbeiterinnen, die nicht immer im Frieden gegangen sind. Aber ich rate sehr dazu, sich hier mit Bewertungen aus der Ferne und vorschnellen Urteilen in alle Richtungen zurückzuhalten. Fest steht: Die Vorwürfe müssen ernst genommen und Fehlverhalten muss aufgedeckt werden.

»Wir müssen diese Vorwürfe in den USA sehr ernst nehmen und dürfen sie keinesfalls vorschnell harmonisieren…«

Hinter den Vorwürfen gegen Bill Hybels steht auch eine Gruppe ehemaliger Mitarbeitenden von Willow Creek. Worum geht es zentral?

Zimmer: Ja, Nancy Beach, die Ehepaare Ortberg und Mellado sowie Betty Schmidt waren in leitender Funktion tätig. Dadurch waren sie in Vorgänge involviert und wie sie schreiben, nicht einverstanden, wie Dinge gehandhabt wurden. Und sie fühlten sich zu wenig gehört. Darum der Weg über die Presse. Das zu erklären, ist jedoch schwierig. Er‘klär’ung hat etwas mit ‘Klar’heit zu tun. In Deutschland sind wir zu weit weg, um uns z.Z. auch nur ein halbwegs zutreffendes Urteil bilden zu können. So bleiben eine Reihe Fragen offen. Die wollen und müssen wir zulassen und aushalten.

Welche Fragen zum Beispiel?

Zimmer: Welche Situationen hat Hybels im Umgang mit weiblichen Angestellten oder Bekannten zugelassen oder herbeigeführt, die Grenzen überschritten haben? Hier bildet ein ungewollter Kuss bisher die gewichtigste Anklage. In letzten Veröffentlichungen haben sich die Vorwürfe in Richtung Gemeindeleitung und ihre Rolle geändert. Spielt da vielleicht auch ein ungelöster Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Konflikt mit hinein? Wie gesagt, es sind ehemalige Mitarbeiter. Haben die Ältesten möglicherweise aus Achtung vor dem Gründer und langjährigen Pastor Bill Hybels eine Loyalität entwickelt, die in solchen Auseinandersetzungen zwangsläufig zu Parteilichkeit führen muss? Hatten sie vielleicht besser hinhören und früher eingreifen müssen? Hierzu haben sich die Ältesten mittlerweile erklärt. Sie haben um Vergebung gebeten und versprochen, jetzt mit erhöhter Aufmerksamkeit jedem Vorwurf nachzugehen und zeitnah eine Klärung herbeizuführen.

Beide ›Lager‹ stellen in der Sache zum Teil völlig entgegengesetzte Behauptungen auf. Besonders für Menschen die vom Dienst aller Beteiligten profitiert haben, ist es enorm schwer, sich daraus einen Reim zu machen.

Zimmer: Das geht uns wohl allen so. Dass wir alle Personen so gut kennen, macht uns die Sache nicht leichter. Nun gibt es Dinge, die nachweislich widerlegt wurden. Andere Anschuldigungen sind dazu gekommen und stehen weiterhin im Raum. Aber eine Beschuldigung ist noch kein Schuldspruch – in Konflikten gibt es immer zwei Seiten, die unterschiedlich wahrgenommen werden. Ein Kompliment kann anzüglich ankommen, obwohl es aufrichtig gemeint war. Eine als zu lang empfundene Umarmung kann einfach auch nur Ausdruck von großer Freude und tiefer Dankbarkeit sein. Beide Blickwinkel sind wichtig. Dass Bill Hybels sich zu verschiedenen Gelegenheiten auf eine Weise verhalten hat, die den Nährboden für einige der Beschuldigungen bildete, sagt er selbst. Zugleich wissen wir, dass eine der Frauen ihre Vorwürfe zurückgezogen und eingeräumt hat, dass sie sich rächen wollte. Und gibt es vielleicht auch noch bei anderen Mitarbeitern Verletzungen, auf deren Hintergrund manche Dinge eine andere Gewichtung erfahren? Das ist auch so eine offene Frage.

Vieles von dem, was Hybels vorgeworfen wird, liegt zum Teil mehr als 20 Jahre zurück ...

Zimmer: Ja, das macht es so zwiespältig. In unserer letzten Vorstandssitzung haben wir uns in einem längeren Gesprächsgang mit diesem Thema befasst. So ist ein Kennzeichen von Missbrauch, dass Betroffene über lange Zeiträume hinweg aus Scham nicht reden können. Das kennt Willow aus der eigenen Arbeit, wo sie Menschen, die unter Missbrauch leiden, seelsorgerlich-therapeutisch begleiten. Allerdings geht es da um ganz andere Schicksale als solche, die Bill als sexuelles Fehlverhalten vorgeworfen wurden. So hat eine Frau, die selbst zu diesem Arbeitsbereich bei Willow gehört, ihr völliges Unverständnis über die Angriffe geäußert und öffentlich geschrieben, es sei ein Schlag in das Gesicht jeder Frau, die wirklich missbraucht wurde, sich über Kommentare zu ›durchtrainierte Oberarme‹ und ›zu langen Umarmungen‹ zu streiten und sie als sexuelle Übergriffe zu bezeichnen. Dennoch, ein sensibles Thema ist es in jedem Fall. Es kann auch nicht darum gehen, ›schwere‹ gegen ›weniger schwerwiegende‹ Übergriffe zu stellen. Was ist aber passiert, dass langjähriges, gutes Einvernehmen, ja, geradezu Stolz, zu einem erfolgreichen Team in einer wachsenden Gemeinde zu gehören, so kippt?
Ich kann Bills Einwand in einer der Gemeindeversammlungen gut nachvollziehen, als er auf das herzliche und ungezwungene Verhältnis hinwies, das zwischen den tragenden Personen der jungen Gemeinde bestand und dass jederzeit eine Grenzziehung möglich gewesen wäre. Die langjährige Assistentin von John Ortberg hat in einem offenen Brief etwas von jener Atmosphäre und dem Umgang miteinander aufleuchten lassen. Gerade die Willow-Gemeinde habe ich, wie Ortberg sinngemäß schrieb, als »einen schützenden Ort« erlebt, »an dem Frauen ihre Stimme ohne Angst erheben können und in jeder Weise gefördert werden«. Ich will aber auch hören, dass sich Angestellte offenbar mit Kritik nicht genug von der Leitung wahrgenommen fühlten.

»Es geht nicht um Willow Creek, sondern um den Auftrag Jesu an seine Gemeinde und um Zukunft, Hoffnung und Kirche!«

Ist es denkbar, dass die Ältesten Bill Hybels wie auch die gesamte Gemeinde schützen wollen und belastende Erkenntnisse nicht ans Licht kommen lassen?

Zimmer: Ich habe nicht den Eindruck, dass die Ältesten die Wahrheit unter den Teppich kehren wollten. Ob es klug war, Gemeindeversammlungen ohne vorherigen Kontakt zu der anderen Seite oder deren Einbeziehung durchzuführen, lasse ich dahingestellt. Das ging ja alles Hals über Kopf und alle wollten nur noch wissen, was da los ist. Wie gesagt, manche belastenden Anklagen konnten entkräftet werden, andere kamen so plötzlich und öffentlich ohne Ankündigung, dass die Ältesten schlichtweg keine Zeit hatten, sich gründlich damit zu befassen. Die meisten der Anschuldigungen kannten sie nicht, obwohl sie auch vorher schon mit manchen Konfliktsituationen befasst waren. Sie haben über die Presse von ihnen erfahren. Nun können sie gar nicht anders, als den Dingen umso akribischer nachzugehen, Kontakt zu suchen und Richtlinien grundsätzlichen zu überarbeiten. Inzwischen wurde erneut eine externe Firma mit einer Untersuchung beauftragt. Echt bedauerlich nur, dass jede ihrer Maßnahmen umgehend mit öffentlicher Kritik und Bedingungsvorgaben einiger der Anschuldigenden erwidert wird. Das erschwert die Verständigung enorm.

Welche Auswirkungen haben die Vorgänge um Bill Hybels auf die Arbeit von Willow Creek Deutschland und Schweiz?

Eggers: Das müssen wir abwarten, die Dinge entwickeln sich ja gerade erst. Das Thema Leitung im Kontext missionarischer Gemeinde-Entwicklung ist ein zerbrechliches Pflänzchen, und wir werden alles uns Mögliche tun, um es gut zu schützen. Insofern sind wir mit voller Kraft dabei, für den Leitungskongress 2020 unsere Sprechinnen und Sprecher gut auszuwählen und haben schon sehr inspirierende und schöne Pläne. Wir werden unsere Arbeit mit voller Kraft weiterverfolgen und auch die Zahl der Übertragungsorte wie geplant ausweiten.
Unser Anliegen ist ein Gemeinsames – und ich habe es ja schon beim letzten Leitungskongress sehr leidenschaftlich gesagt: Es geht nicht um Willow Creek, sondern es geht um den Auftrag Jesu an seine Gemeinde und um Zukunft, Hoffnung und Kirche! Das ist unser gemeinsames Anliegen – das wir gemeinsam fördern, schützen und verteidigen müssen! In diesem Sinne sind wir überzeugt, dass unsere Arbeit im besten Sinne weitergeht und werden alles dafür tun. Zugleich bitten wir darum, dass unsere Freunde weiter für die Situation beten – um Klarheit, Heilung und am Ende Versöhnung und Wiederherstellung, besonders für die beteiligten Frauen. Es hat einen Grund, dass uns die Arbeit in Chicago so beeindruckt – also vertrauen wir darauf, dass sich diese innere Qualität und Haltung nun auch in dieser Krise bewährt. Wir ringen um eine gute geistliche Haltung in dieser Situation – und sind sehr dankbar, dass auch die Reaktionen in unserem Freundeskreis bisher von großer Reife und Augenmaß gekennzeichnet sind. Danke für alles innere und äußere Mitgehen!

Wird Bill Hybels Sprecher beim Leitungskongress 2020 sein?

Eggers: Ehrliche Antwort: Wir wissen es nicht. Einschätzung: Vermutlich eher nicht, weil Klärung und Wiederherstellung einfach Zeit brauchen und mögliche Konferenztermine keine angemessenen Argumente dabei sind. Wenn wir in die Bibel schauen, entdecken wir jede Menge geistlicher Leitungspersonen, die durch schwere Krisen hindurch am Ende weiter gesegnet unterwegs waren. Das können wir hoffen – und darum beten wir.