Der größte Kongress in der 22-jährigen Geschichte von Willow Creek in Deutschland ist vorüber. Welche Erkenntnisse ziehen die Verantwortlichen daraus? Welche Pläne gibt es für die Zukunft? Darüber sprach Redaktionsleiter Gotthard Westhoff mit Ulrich Eggers, dem Vorsitzenden von Willow Creek Deutschland, und Geschäftsführer Karl-Heinz Zimmer.

Wofür seid ihr im Rückblick auf den Leitungskongress 2018 besonders dankbar?

Ulrich Eggers: Am meisten freut mich das wachsende Vertrauen im Land: Die Willow-Kongresse werden immer mehr zu einem festen Termin für die eigene Fortbildung, die Schärfung der eigenen Vision und die Erneuerung des persönlichen Glaubens von leitenden Mitarbeitern. Sie füllen den Tank wieder auf und halten einen selbst und das ganze Gemeinde-Team auf dem Weg. Und natürlich freut es mich, dass 12.000 den Kongress erlebt haben.

Wie ist der große Zulauf zu erklären?

Eggers: Ein Grund ist sicher die breite Referentenbasis: international und deutschsprachig, Frauen und Männer, Kirche und Wirtschaft. Hinzu kommt die wachsende Rolle der Willow-Konferenz als neutrale Plattform für alle, die missionarische Gemeindeentwicklung, Leitung und die strategisch missionarische Rolle der Kirche auf dem Herzen haben. Willow hat Raum für alle und möchte alle mit ermutigenden Ideen in Berührung bringen – will den Menschen im Land dienen. Wir brauchen einander, müssen voneinander lernen, damit jeder einzelne, jede Gemeinde, jeder Verband und jede Organisation die eigenen Aufgaben besser bewältigen kann. Und genau das passiert auch auf dem Kongress.

Karl-Heinz Zimmer: Geholfen hat sicher auch, dass Willow nicht das eigene Gemeinde­modell ›verkaufen‹ will, sondern sich als Lernplattform versteht, auf der die verschiedenen Denominationen das Wichtige für sich aufgreifen. Und: Hinter dem Kongress steht immer auch die Willow Creek Community Church als vitale Ortsgemeinde. Die Kongressinhalte werden durch deren beeindruckende Gemeindepraxis unterfüttert. Was auf der Bühne vermittelt wird, ist eben keine Theorie, sondern häufig aus dem Willow-Gemeindealltag erwachsen.

Lebt Willow hierzulande nicht auch von der Exotik, weil man Sprecher live hören kann, die man sonst nicht zu Gesicht bekommt?

Eggers: Ja. Der Vorteil daran: Die Exoten tun einem nicht weh, weil sie anschließend wieder weit weg sind. Wenn man hingegen Sprecher aus Bewegungen hört, die man vor Ort als Konkurrenz empfindet oder als Rivalen der eigenen Kirche einstuft, dann fordert das Hören auf deren Vorträge schon heraus. Internationalen Sprechern begegnet man da manchmal wohlwollender. Dennoch sind wir überzeugt, dass integre Referenten auch aus unseren Breitengraden durch ihre Qualität und Leidenschaft für jeden ein Segen sein können. Ob ICF oder Hillsong, katholische Kirche oder Wirtschaft: Wichtig ist, dass mich neue Ideen erreichen, die Leidenschaft der anderen mich anspornt und ich herausgefordert werde. Nicht jeder Beitrag trifft jeden Teilnehmenden gleichermaßen, aber wir wollen bewusst die große Themenbreite: Leitung, Gemeinde, Persönlichkeitsentwicklung und Fachwissen.

»Das Interesse an Leitungs­fragen ist groß, auch die Sehnsucht nach persön­licher Glaubens­erneuerung.«

Frühere Kongresse haben gezeigt, dass Namen auch mal provozieren.

Eggers: Eine gereifte Leitungspersönlichkeit zeichnet aus, dass er oder sie nicht sofort mit dem Konkurrenz- oder Provokations-Ohr hört, sondern aufnimmt, was wichtig ist. Viele Referenten sind in ihrem jeweiligen Biotop – Kirche, Bildung oder Wirtschaft – große, erfolgreiche Namen. Auf der Willow-­Bühne aber sprechen sie zu einem sehr gemischten Publikum und müssen sich fragen, was für diese Menschen wichtig sein könnte. Das verlangt Phantasie, wie man die eigenen Erfahrungen für alle zugänglich machen kann. Einige Sprecher können das sehr gut, für andere ist es eine enorme Herausforderung.

Wenn es gelingt – wie z.B. bei Tobi Teichen, der beim Kongress offen über seine Angst als Pastor und seine Gefühle beim Vergleichen mit einer ›konkurrierenden‹ Gemeinde sprach – , dann wird ein Vortrag zu einem Lehrstück für alle. Ganz gleich, welcher Kirche ich angehöre: Plötzlich erfahre ich, wie ähnlich wir uns sind, wie ich mit meinen Sorgen umgehen und zu Jesus kommen kann. Das sind Glücksfälle für einen Kongress, wenn jemand auch seine Not so offen teilt. Genau das haben uns Willow und Bill Hybels immer wieder vorgemacht: Ehrlich sein, sich preisgeben – damit andere profitieren.

Interessant ist auch der Blick auf die Statistik: die Anzahl an Erstbesuchern und unter 30-Jährigen.

Zimmer: Überrascht hat mich, dass 35% zum ersten Mal einen Willow-Kongress besucht haben. An den Übertragungsorten waren es sogar 45%. Das Interesse an Leitungsfragen ist sehr groß, auch die Sehnsucht nach persönlicher Glaubenserneuerung – ob in Landes- oder Freikirchen. 46% der Teilnehmer kamen aus den großen Landeskirchen – evangelisch, katholisch, reformiert. Gerade hier wollen wir weiter wachsen und diese wichtigen Erfahrungsfelder und Kompetenzen gut aufnehmen.

Die zweite Überraschung: 1.900 Teilnehmer waren unter 30 Jahre! Die ›NextGen Lounge‹ war daher richtig und wichtig. Willow wird auch künftig den Leitungsnachwuchs in den Kirchen fördern. Seit einiger Zeit bieten wir ja schon Studienreisen für Theologiestudierende zur Willow-Gemeinde in Chicago an.

An einem Abend fanden Treffen von sieben Gemeindeverbänden statt. Weshalb dieses Angebot?

Zimmer: Wir wollen, dass sich die Menschen auf einem so großen Kongress zu Hause fühlen. Austauschrunden, ob in offiziellen Settings oder in kleinen Gemeindeteams, sind wichtig. Dabei entdeckt man oft, dass andere etwas gut fanden, was bei mir selbst nicht gut ankam – und umgekehrt. So bekomme ich noch mal einen anderen Zugang, lerne von anderen. Alle Kirchen und Verbände sind eingeladen, sich hier einzuklinken. Wir hoffen, dass es 2020 auch ein Treffen von katholischen Geschwistern für die Umsetzung der Impulse in ihre Kirche geben wird.

Erstmals wurde der Kongress live an sechs Orte übertragen. Weshalb?

Zimmer: Nach dem ausgebuchten Kongress 2016 haben wir uns gefragt, ob wir einfach weitermachen wie bisher oder die Arbeit weiterentwickeln: die Kongresserfahrung noch mehr Menschen zugänglich machen. Der Willow-Vorstand hat dann entschieden, die Übertragung von Dortmund an eine Handvoll Gemeinden als Test durchzuführen.

Was hat der Test ergeben?

Zimmer: Drei der sechs Übertragungsorte waren restlos ausgebucht; die übrigen Orte auch sehr gut besucht. Interessant war der Vergleich mit der Live-Veranstaltung: Die Teilnehmer an den Übertragungsorten haben alle Vorträge gleich positiv, teilweise noch höher bewertet als die Teilnehmer in Dortmund. Gefragt, ob sie einen späteren Kongress lieber live oder an einem Übertragungsort erleben wollen, antwortete die große Mehrheit: an einem Übertragungsort.

Wie geht das Experiment weiter?

Zimmer: Wir planen für den Leitungskongress 2020 mit etwa 20 Übertragungsorten. Die Teilnehmer sparen so bei Kongressgebühr, Anreise und Übernachtungen. Wir wünschen uns, dass Kirchen und Verbände sich in den Orten strategisch zusammenschließen und Gastgeber für den Kongress 2020 werden. Das schafft Ownership und wirft in einer Stadt ein gutes Licht auf die Gemeinden, die zusammenarbeiten und das Signal aussenden, dass sie einen Blick fürs große Ganze vor Ort haben.

Uli, du hast in der letzten Kongress-­Session einen starken Impuls gesetzt: »Es geht nur gemeinsam.«
Was ging dir da durch den Kopf?

Eggers: Im Blick auf unsere Gesellschaft, die große Not, Orientierung und Halt zu finden – und auf den angeschlagenen, aber auch mit viel Hoffnung und Aufbruch verbundenen Status unserer Kirchen – wird klar: Wir haben eine riesige Herausforderung und Chance. Dass nämlich alle kleinliche Abgrenzung, alles Selbstbezogene, ängstliche Kämpfen nach innen, aller Kampf um zweitwichtigste Themen endlich schweigen mögen. Wir müssen gemeinsam aufbrechen und Jesus folgen. Er sehnt sich danach, dass wir anpacken und uns als Teil eines großen Teams in der Welt sehen, das einen Auftrag von ihm hat. Gerne jeder in seiner Form und Tradition, im Reichtum seiner Gaben. Aber im Wissen, Teil des Ganzen zu sein, in Demut und Hingabe mitzuwirken und mit Hochachtung und Liebe gemeinsam auf dem Weg zu sein. Das will Willow fördern.

Ist das deine ›heilige Unzufriedenheit‹, von der Hybels sprach?

Eggers: So könnte man es ausdrücken. Aus der Willow-Perspektive sehen wir an vielen Orten großartige, durchdachte, mit Herzblut gefüllte Modelle und Konzepte, die oft nur deshalb nicht entdeckt werden, weil sie aus einer anderen Kirche kommen, gegen die wir vielleicht Vorurteile haben. Tatsächlich aber finden sich fantastische Beispiele, in allen Kirchen, ob Landes-, Frei- oder Jugendkirche. Unser Anliegen ist es, diese einander zugänglich zu machen, das Hinhören zu ermöglichen, eine Vertrauensplattform zu schaffen. Man muss nicht alles mögen. Aber wir brauchen diesen gezielten Blick über alle Zäune hin zu dem Besten, was wir einander an Lern-Erfahrung und Ermutigung bieten können. Weil wir gemeinsam auf dem Weg zu einem Ziel unterwegs sind. Was immer Willow tun kann, um das zu fördern und zu vernetzen, wollen wir tun!