Der Ex-Disney-Vizepräsident Lee Cockerell macht im Interview deutlich, dass die Schnittmenge zwischen Disney World und Gemeinde-Welt größer ist als vermutet.

Als Vizepräsident von Disney World und Chef von 40.0000 Angestellten hatten Sie viel Verantwortung. Wurde Ihnen ein Leitungs-Gen mit in die Wiege gelegt?

Lee Cockerell: Überhaupt nicht! Wenn Sie einem meiner Lehrer gesagt hätten: »Lee Cockerel hat Disney World geleitet«, hätte er geantwortet: »Das ist sicher nicht der Lee, der in meiner Klasse war.« Niemand sollte unterschätzen, was man im Leben alles erreichen kann. Das heißt nicht, dass man nie scheitert. In dem Fall fängt man einfach mit positiver Haltung – und mehr Erfahrung – neu an.

Haben Ihre Eltern Sie besonders gefördert?

Auch das nicht. Ich wuchs auf einer kleinen Farm in Oklahoma auf. Meine Mutter war fünf Mal verheiratet. Zweimal wurde ich adoptiert. Cockerell ist mein dritter Nachname. Ich erhielt ihn zu meinem 16. Geburtstag vom vierten Ehemann meiner Mutter. Er war vermögend. Daher konnte ich für zwei Jahre aufs College gehen. Da ich aber ein schlechter Schüler war, flog ich von der Schule und ging zur Armee. Dort habe ich dann einiges gelernt.

Was denn?

Disziplin. Gearbeitet habe ich in der Armeeküche. Dort lernte ich, wie man systematisch arbeitet und so viele Menschen verpflegen kann. Nach dem Militärdienst nahm ich im Hilton in Washington D.C. eine Stelle als Kellner an. Ein feudales Hotel hatte ich bis dahin noch nie betreten. Aber ich entschloss mich, dort der beste Kellner zu werden. Die Hotelleitung sah meinen Einsatz, steckte mich in ihr Managementtraining-Programm und gab mir anschließend Führungsverantwortung. Später wechselte ich zur Marriott-Hotelkette, übernahm dort die weltweite Leitung für die Gastronomie.

Dann warb Disney Sie ab, um Disneyland in Paris aufzubauen.

Richtig. 1992 eröffneten wir Disneyland Paris. Die Zeit in Frankreich war für mich sehr prägend.

Was war so besonders?

Die Auslandserfahrung: Eine neue Kultur zu erleben und sich darauf einzustellen. Wir hatten z.B. in den Disney-Restaurants keinen Wein auf der Speisekarte. In Frankreich! Das haben wir nach wenigen Tagen geändert. Auch das Autofahren in Paris war ein Abenteuer.

Die Eröffnung von Disneyland Paris bedeu­tete auch, viele neue Mitarbeiter einzustellen. Eine echte Herausforderung.

Allerdings. Allein für den Gastronomiebereich musste ich 250 Manager und Köche finden. Das ganze Land habe ich nach passenden Mitarbeitern durchkämmt. Es hat anderthalb Jahre gedauert. Jeder Mitarbeitende mußte ja zu unserer Disney-Kultur passen. Wenn man hier Kompromisse eingeht, rächt sich das. Da war es sehr hilfreich, dass Disney für jeden Arbeitsbereich einen speziellen Fragenkatalog entwickelt hat, den man bei den Bewerbungsgesprächen durchgeht. Unser Team ist darin geschult, bei den Antworten zwischen Sein und Schein unterscheiden zu können. Der Bewerbungsprozess ist sehr umfangreich – nicht nur, wenn wir eine Führungskraft einstellen, sondern auch bei einer Reinigungskraft.

Wie wird neuen Mitarbeitenden die Unternehmenskultur vermittelt?

Das A und O ist das betriebsinterne Training. Vorher wird keiner der Angestellten auf die Gäste losgelassen. Bei Disney sind Gäste keine Versuchskaninchen. Wenn sie bei uns sind, können sie zu recht Sicherheit, Sauberkeit, Kompetenz und Höflichkeit erwarten. Viele Gäste haben sich bei mir bedankt, weil sie von Mitarbeitern bei einer der Attraktionen freundlich behandelt wurden. Sie waren überrascht, dass sie trotz Tausenden von Besuchern keine Nummer sind. Diese Haltung wollen wir sicherstellen, denn: Unsere Mitarbeiter sind unsere Marke.

Vor ein paar Jahren sind Sie in ­den vorzeitigen Ruhestand gegangen. Vermissen Sie Ihren Job?

Nein. Jetzt habe ich Zeit, meine Erfahrungen anderen weiterzugeben. Besonders gerne helfe ich jungen Nachwuchskräften, wie demnächst auf dem Youngster-Kongress in Erfurt.

Einige werden sich fragen: Unsere Kirche betreibt keine Themenparks oder Shows – was können wir von Disneyland lernen?

Entscheidend ist nicht, was Disney alles auf den Bühnen zeigt, sondern was sich hinter den Kulissen abspielt, damit jeder Besucher diese positive Gesamterfahrung macht. Deshalb wird bei Disney die Interaktion mit den Gästen genauso wichtig genommen wie eine atemberaubende Bühnenperformance. Diese Grundhaltung, der Blick für Gäste, die Art der Mitarbeiterführung, die das alles sicherstellt, ist das Entscheidende. Hier sehe ich eine große Schnittmenge zwischen Disney World und der Gemeinde-Welt.