Otto Neubauer ist ­Leiter der Akademie für Dialog und ­Evangelisation in Wien. Der katholische Theologe zählt zu den Referenten der ­Willow-Tageskonferenz am 30. Januar 2021 in Winterthur. Er brennt für das ­Thema Mission und ist sich sicher: Jesu Liebe für die Menschen muss durch Christen spürbar ­werden. Wie das ­geschehen kann, hat er im Interview mit Willow ­Magazin-Redakteurin Sarah Kleinknecht erzählt.

Herr Neubauer, immer weniger Leute gehen in die Kirche. Was muss sich ändern?

Otto Neubauer: Jesus ist zu den Sündern ­gegangen, zu den Armen und Kranken. Das bedeutet für die ­Kirchen und Gemeinden, dass sie genau ­diese ­Menschen wieder ansprechen muss. Wenn sie das nicht macht, ist es nur verständlich, dass die Menschen die Kirche nicht mehr verstehen.

Was spricht Menschen denn generell an?

Die Grundsehnsucht des Menschen ist es, willkommen geheißen zu werden. Anders herum ist die Angst eines jeden Menschen, zurückgewiesen zu ­werden. Viele Menschen fühlen sich nicht geborgen und ­angenommen, so, wie sie sind. Deshalb ist es so wichtig, Möglichkeiten der Begegnung zu schaffen. Dabei ist es für die Leute einfacher, ins Café oder in die Sporthalle zu gehen, als in die Kirche.

Was macht jemanden aus, der den christlichen Glauben weitergibt?

Ich vergleiche so eine Person gerne mit einer ­Hebamme. Eine Hebamme gebiert nicht das Kind, aber sie hilft ihm auf die Welt. Genauso hilft er oder sie, das zu erkennen, was Gott einem ins Herz gelegt hat, dass es »geboren« wird. Die Kernbotschaft ­lautet: Gott möchte eine Freundschaft mit dir aufbauen. Das wollen wir den Menschen näherbringen.

Wie sollte das geschehen?

Im Zentrum des Ganzen steht die Gastfreundschaft. Jesus lädt dazu ein, teilzuhaben an seiner Herrlichkeit und lädt sich gleichzeitig selbst ein, z.B. bei ­Zachäus. Gastgeber und Gast zugleich sein – so sieht der Missionar der Zukunft aus!

Wie meinen Sie das?

Wir sind gewohnt, Gastgeber zu sein, indem wir die Leute in die Kirche holen. Das ist gut so, aber wir sollten auch nicht den Perspektivwechsel ­vergessen: Wenn wir zu den Menschen gehen und mit ihnen ins Gespräch kommen in unserer Freizeit, in der Nachbarschaft oder am Arbeitsplatz, werden wir selbst zum Gast. Menschen öffnen sich, erzählen ihre Lebensgeschichte und gemeinsam entdecken wir, an welcher Stelle Gott wirkt. Das ist immer wieder überraschend und bereichernd.

Wenn Gemeinden Sie nun fragen: »Wie kann der Perspektivwechsel gelingen?« – Was sagen Sie?

Zuerst stelle ich eine Aufgabe an die Gemeinde: Stellt euch vor, Jesus kommt überraschend für 10 Tage zu euch in die Gemeinde. Was wird er machen? Wo wird er schlafen? Mit wem wird er reden?

Spannende Fragen. Welche Antworten bekommen Sie?

Ja, das stimmt. Die Leute schreiben auf ein ­Flipchart, dass Jesus zu den Ärmsten gehen würde, dass er mit denen redet, die sonst keiner mag. Oder: Jesus ­würde in die U-Bahn gehen, in die verrufene ­Kneipe, sich mit Menschen am Marktplatz treffen. Durch ihre Antworten entdecken und verstehen die­ Menschen ihre eigene Missionsaufgabe. Sie merken: Es ist ­unsere Aufgabe, an Jesu Stelle dorthin zu gehen. Und genau das setzen wir dann gemeinsam um.

 

Haben Sie ein Beispiel, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist?

Eine Gemeinde schrieb auf, dass Jesus ins ­große ­benachbarte Spielcasino gehen würde. Also ­sagten wir: Okay, lasst uns ins Spielcasino gehen! Die ­Gemeinde hatte große Bedenken, denn bisher durften noch nicht mal die Sternsinger das Casino betreten. In mehreren Gesprächen ist es uns dann aber gelungen, dass wir dort einen Abend gestalten durften.

»Die Liebe Gottes ist ein kostbares Gut und das verschenke ich weiter.«

Wie sieht so ein Abend aus?

Wir haben ein Konzept entwickelt, das wir den ­»missionarischen Dialog« nennen. Dabei ­bringen wir Christen und Nichtchristen zusammen und ­diese ­tauschen sich in einem Talk über ein ­bestimmtes Thema aus. Im Spielcasino hatten wir das Thema »Geld und Gott – wer hat mehr Macht?«.

Wie sehen die Reaktionen der Menschen aus?

Überraschend war, dass viele Talk-Gäste, die sich als »Heiden« oder »Agnostiker« bezeichnet haben, ganz oft wertvolle Dinge eingebracht haben, die durchaus viel mit dem Evangelium zu tun hatten. Es ist wirklich erstaunlich, was in den Leuten verborgen liegt, das dann im gemeinsamen Gespräch zum Vorschein kommt.

Und die Menschen fühlen sich ernst genommen…

Genau. Viele Menschen sind durchaus bereit, ­etwas zu lernen – vor allem, wenn sie persönlich ­angesprochen werden und merken, dass der ­andere sich auch für sie interessiert und es nicht darum geht, eine bestimmte Meinung aufgezwungen zu ­bekommen.

Das ist ja ein Punkt, für den Christen, die den Glauben weitergeben, oft kritisiert werden: Dass man das Evangelium verkündet, sich aber nicht für die Menschen an sich interessiert. Wie sehen Sie das?

Der entscheidende Punkt ist für mich: Bin ich ­Besitzender oder Beschenkter? Ich besitze die Wahrheit nicht, sondern ich bin mit ihr beschenkt. Ein ­Beschenkter spricht anders, ich habe das Geschenk nicht im Griff. Die Liebe Gottes ist ein kostbares Gut und das verschenke ich weiter. Das erfordert aber auch von mir, immer wieder als Bittender vor Gott zu kommen, denn auch als Christ habe ich mein Leben nicht im Griff. Das merken wir ja immer wieder an eigenen Lebenssituationen. Es ist wichtig, sich einzugestehen, dass wir selber auch angewiesen sind auf die Barmherzigkeit Gottes. Wenn man diese Haltung spüren kann, sind die meisten Menschen sehr offen.

Sie leiten die Akademie für Dialog und ­Evangelisation in Wien. Weshalb wurde sie ­gegründet?

Vor 25 Jahren haben wir uns gefragt: Was können wir tun, um mit anderen über den christlichen Glauben ins Gespräch zu kommen? Es bringt wenig, nur einen Prediger vor die Menschen zu stellen, der ihnen ­erzählt, wie sie ihr Leben ändern sollen.

Sondern?

Wir haben festgestellt, dass wir an einem ­anderen Punkt ansetzen müssen: Wir belehren die ­Menschen nicht, sondern ermöglichen einen Erfahrungs­austausch. Dabei lassen wir die Menschen ­teilhaben an unserer Freude und unseren Erfahrungen. Es geht also nicht darum, Menschen zu überzeugen, ­sondern ihnen einfach von dem zu erzählen, was uns ­begeistert. Genau so hat es Jesus ja auch gemacht. So entstehen Räume, in denen Menschen sich ­begegnen und in einen Dialog treten können.

Wie sehen diese Begegnungen aus?

Im Wohnheim unserer Akademie können z.B. ­Studierende aus Wien wohnen und ihren Alltag mit anderen jungen Christinnen und Christen teilen. Jede Woche findet »Donnerstagabend. – Ein Abend ­unter Freunden« statt. Bei Suppe, Bier und Brezeln ­können Menschen dort einen geistlichen Impuls ­hören und sich anschließend darüber austauschen oder auch ­gemeinsam beten. Außerdem schulen wir ­Gemeinden und Diözesen zum Thema Dialog und Mission mit unserem eigens entwickelten Ausbildungsprogramm »Mission Possible«.

Und es wird kräftig getalkt bei Ihnen ...

Genau. Es gibt Lehrgänge zu den ­Themenbereichen »Europa & Politik«, »Mission & Dialog« sowie ­»Medien & Kultur«. In den Talks reden Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Religion und ­Gesellschaft miteinander über Gott und die Welt.

Wie sehen Sie die Kirche in fünfzig Jahren?

Ich glaube, dass es nicht mehr die abgeschottete ­geschlossene Milieukirche geben wird, sondern dass wir mitten unter den Menschen leben werden. Wir werden staunen, wie viele Menschen, die wir ­heute als »Heiden« ansehen, uns den Herrn verkündigen werden. Ich denke, es wird ein großes Netzwerk der Freude sein.