Warum dieses Motto für Gemeindearbeit passt, welche Rolle Misserfolge spielen und was er an seiner Gemeinde liebt – darüber haben wir mit Karsten Böhm, Pfarrer der Andreasgemeinde Niederhöchstadt und Autor, gesprochen.

Karsten, wenn man – wie du – eine Gemeinde leitet, hat man unzählige Aufgaben.
Du bist für strategische Entwicklung, Predigten, GoSpecial-Gottesdienste zuständig, außerdem für die Hauskreise, Freizeiten …

…und inzwischen auch für Personal und den Neubau!

Und dann bist du auch noch Ehemann und Vater. Was hilft dir dabei, nicht auszubrennen und neue Kraft zu tanken?

Am meisten hilft mir: Ich finde die Andreasgemeinde einfach toll. Ich gehe auch gern in den Gottesdienst, wenn ich selbst keine Aufgabe habe. Das macht einen großen Unterschied – ich freue mich, dass es diese Gemeinde gibt, bei allen Licht- und manchen Schattenseiten. Außerdem habe ich gute Beziehungen und Freundschaften in der Gemeinde, und auch außerhalb Menschen, die mich nicht über mein Pfarrer-Sein definieren. Natürlich hilft es auch, sich von Gott auftanken zu lassen – ich bete viel, nehme mir Zeit beim Spazierengehen und treibe viel Sport. Wichtig ist außerdem: Ich arbeite ganz selten allein, sondern in starken Teams. Aber vor allem ist es das: Ich liebe diese Gemeinde und die Menschen hier. Ich bin nicht Pfarrer als Angestellter, sondern weil ich diese Gemeinde einfach mag.

Was genau liebst du an deiner Gemeinde?

Unsere Ausrichtung auf Kirchendistanzierte. Wir erwarten nichts von den Leuten – selbst das Vaterunser wird eingeblendet. Und das enorme ehrenamtliche Engagement finde ich wahnsinnig toll. Besonders ist auch unsere Zusammenarbeit auf Augenhöhe: Nicht ich sage: „So machen wir’s und das wünsche ich mir!“, sondern Predigtreihen entwickeln wir gemeinsam in einem Team aus Ehren- und Hauptamtlichen. Was sind die Themen, die die Gemeinde beschäftigt? Manchmal werden auch meine Vorschläge abgelehnt. Was auch sehr besonders ist: Wir verstehen uns bewusst als trinitarische Gemeinde. Wir haben charismatische Menschen, die in Zungen beten oder Heilung erwarten – und andere, die volkskirchlich geprägt sind und die sagen: Das mit dem Händeheben im Lobpreis ist mir irgendwie befremdlich. Beim Beten erkennt man oft diese „Lager“, die wir versuchen zu vereinen mit einer ganz großen Weite und Toleranz.

Dein Buch trägt den Titel „Mutig vorwärts stolpern“. Was hat dich motiviert, es zu schreiben?

Die Andreasgemeinde ist in der Kirchenlandschaft recht bekannt, und ich habe immer wieder Vorträge über unseren GoSpecial, unseren Gottesdienst für Kirchendistanzierte, gehalten. Dabei habe ich immer Anekdoten und Geschichten erzählt – von Erfolgen, aber auch davon, wo wir Erfahrungen des Scheiterns gemacht haben. Von den Zuhörern kam anschließend immer wieder das Feedback: ‚Die Geschichten sind das, warum ich mich an das Prinzip erinnere!‘ Da dachte ich mir: Warum sollte ich nicht mal versuchen, das in ein Buch zu packen? Ich hatte etwa zehn Geschichten zu Papier gebracht und damit mehrere Verlage angeschrieben. Zwei haben dann gesagt: ‚Das finden wir total spannend!‘, und dann habe ich tatsächlich erst angefangen, mehr und mehr Geschichten und Prinzipien zu sammeln und zu finden, die ich kenne. Es sollte keine Erbauungsliteratur werden nach dem Motto: ‚So macht man’s!‘ Sondern ein ehrlicher Blick: Wir haben Fehler gemacht, und daraus gelernt. Storytelling ist dafür ein starkes Werkzeug. Das ist ja auch bei den Willow Creek Leitungskongressen so, da heißt es auch nicht: ‚Hier ist das Rezept und dann funktioniert’s!‘, sondern: ‚Ihr müsst das Prinzip verstehen und auch im Scheitern kann man sehr viel lernen.‘

Spannend, dass du das auch mit Willow verbindest. Wie haben dich die Leitungskongresse geprägt?

Unsere Gemeinde fährt schon „seit Anbeginn“ zu den Leitungskongressen. Ich natürlich nicht, weil ich noch gar nicht so alt bin, aber mein Vorgänger Klaus Douglass besuchte im Rahmen einer Studienreise die Willow Creek Community Church in Chicago und hat dann dieses Prinzip mit Blick auf Kirchendistanzierte über unseren Gottesdienst „GoSpecial“ in unserer Gemeinde implementiert. Ich war 1991 oder 1993 das erste Mal bei einem Willow-Kongress und fand es immer sehr inspirierend zu sehen, wie Gemeinde auch funktionieren kann. Zwei Dinge sind mir bis heute immer wieder deutlich geworden: Dieses bekannte Bonhoeffer-Zitat, das sagt: ‚Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist.‘. Das habe ich immer wieder von Willow-Referenten gehört und wurde ermutigt. Und eben das Storytelling – das können die Amerikaner, aber mittlerweile auch die Deutschen gut. Und das ist auch bei meinem Buch so. Ich bekomme Feedback von Lesern, die sagen: ‚Diese Geschichten sind nachdenklich, unterhaltsam, lustig, bekannt, unbekannt, persönlich.‘ Die Geschichten sind das, was die Leute fasziniert, und damit haben sie sofort das Prinzip, das dahintersteht, parat.

Ich erinnere mich an eine Geschichte zu Beginn eines Kapitels, in der du von einer Reise nach Bolivien erzählst. Bevor du Pfarrer wurdest, warst du auf Weltreise. In einigen Geschichten klingt das an. Kann man sagen, du bist ein sehr weltoffener und neugieriger Mensch?

Absolut. Ich habe auch ein Jahr in Jerusalem studiert. Dann war ich für ein Jahr in einer deutschen Gemeinde in Costa Rica als Pfarrer tätig, wo auch die Begleitung von Nicaragua, Honduras und Panama dazugehörte. Da war ich viel unterwegs. Und auch sonst bin ich viel gereist. Im Buch finden sich auch Geschichten aus Australien und eine vom Kilimandscharo wieder. Das Schöne ist, dass die persönlichen Geschichten alle wahr sind. Das war wichtig, dass die Geschichten authentisch sind.

In einem Kapitel schreibst du, dass du es ‚bewunderst‘, wenn Menschen sagen, dass sie Gemeinde nicht brauchen – weil du ohne Gemeinschaft nicht mehr glauben würdest. Hattest du schon mal Situationen, in denen es für dich richtig essentiell wurde, mit Menschen in Gemeinschaft unterwegs zu sein, wo es allein echt schwierig geworden wäre?

Absolut, immer wieder! Ich hatte zwar nie eine ganz tiefe Glaubenskrise, dass ich an Gott per se gezweifelt habe. Aber ich habe Schicksalsschläge erlebt, wo ich gefragt habe: Warum, Gott? Ich bin auch in einem Hauskreis und war fast immer in Hauskreisen, wo ich gemerkt habe, wie wichtig es mir ist, auch abseits meiner Profession in der Bibel zu lesen. Oder auch, dass Menschen in Krisen für mich gebetet haben, als ich gesagt habe: Mir bleiben echt die Worte im Hals stecken, ich kann das nicht. Dann haben Leute zu mir gesagt: ‚Brauchst du auch nicht. Komm, wir beten für dich!‘ Und das hat immer sehr geholfen. Dass ich die Menschen ‚bewundere‘, die Gemeinde nicht brauchen, war auch eher ironisch gemeint. Für die meisten ist das, glaube ich, eine Ausrede. ‚Muss‘ man in die Gemeinde gehen? Das ‚muss‘ würde ich sofort streichen. Warum ich nach wie vor Christ bin und nicht ausgebrannt bin, liegt vielleicht auch daran, weil ich gern in die Gemeinde gehe. Nicht weil ich muss, sondern weil ich möchte.

Du sagst, eine gesunde Fehlerkultur in der Gemeinde kann gefördert werden, wenn die Leitung offen über Fehler spricht und diese Haltung damit auch vorlebt.

Genau. Und das haben wir auch auf einem harten Weg gelernt. Bei unseren GoSpecials gab es von Anfang an Feedbackbögen – Band, Moderation, Predigt, dazu ein freies Kommentarfeld. Da stand manches sehr harte, auch unfaire Feedback drin. Da haben wir gelernt, dass man manche Kritik auch filtern muss. Kritik sollte immer konstruktiv sein. Ich muss als Teil der Leitungs übers Scheitern sprechen! Wenn die Leitung vorgibt, perfekt zu sein, traut sich niemand, über Fehler zu reden. Aber wenn Menschen merken, dass sie auch Leiter und Leiterinnen kritisieren dürfen – offen, ehrlich und konstruktiv – ohne, dass sie deren Gunst entzogen bekommen: Dann kann man was draus lernen.

Gab es für dich zuletzt eine geistliche Erkenntnis, die dich in deiner Leitungsrolle ermutigt hat?

Ja. Dass Klarheit oft hilft. Es nicht allen alles recht machen zu müssen, sondern für eine Position einzustehen. Es kann sein, dass manche darüber vielleicht auch irritiert sind, aber diese Klarheit hilft sehr. Das kann man auch gut auf Gemeinde übertragen: Wenn kein klarer Fokus, kein klarer Auftrag da ist, dann weiß man nicht, was das Ziel ist. Mein Sohn spielt Fußball. Da sagt kein Trainer: ‚Lauft, lauft, lauft!‘ Sondern das Ziel ist, ein Tor zu schießen – mindestens eins mehr als der Gegner, damit man gewinnt. Nicht nur der Weg ist das Ziel, sondern auch das Ziel ist das Ziel. Wenn man das klar kommuniziert, hilft das ungemein. Auch durch Willow und die Leitungskongresse habe ich gelernt, wie wichtig die Frage ist: What is the purpose of your life, your church? – Warum gibt es uns als Gemeinde? Ich glaube, starke, lebendige Gemeinden können das sehr genau sagen. Es ist wichtig, dass man das als Leitungsgremium weiß und auch immer wieder kommuniziert: Das ist unser Auftrag und darum gibt es uns. Ich glaube, dass alle, die Vorträge auf den Leitungskongressen gehalten haben, sehr genau wissen, was sie können, wofür sie da sind. Und das bedeutet eben auch zu wissen, wofür man nicht da ist und was andere besser können.

Karsten Böhms Buch findest du bei uns im Willow Shop.


Der Autor steht gern für Lesungen zur Verfügung.
Kontakt über: boehm[at]andreasgemeinde.de