Da ist er. Dieser eine Moment. Vielleicht ganz kurz nur. Aber in diesem Augenblick springt ein Funke über. Es verändert sich etwas. Eine neue Perspektive wächst. Viele erleben solche Momente, in denen Gott sie besonders berührt. Und nicht wenige erleben sie bei einem Willow-Kongress, während einer Chicago-Studienreise oder als Mitarbeitende bei einer Willow-Veranstaltung.

Therese Charlotte Roppel sitzt beim Global Leadership Summit hoch oben über der Bühne im großen Saal der Willow Creek-Gemeinde, als eine afrikanische Sprecherin ihre Geschichte erzählt …

»Mir wird immer klarer, wie tief Versöhnung geht. Welche Kraft sie freisetzt.«

Eine Frau in farbenfrohen afrikanischen Gewändern tritt auf die Bühne. Zartes Klatschen begleitet den Beginn ihres Auftritts. Sie lächelt zwar, aber hinter diesem Lächeln wird eine Geschichte erkennbar, die tief unter die Haut geht. Als sie anfängt, mit fester Stimme zu sprechen, treffen mich die Worte sofort. Obwohl ich hier oben in der zweiten Etage sitze, fühle ich mich, als säße sie mir am nächtlichen Feuer gegenüber. Mit jedem einzelnen Wort trifft mich ihre Erzählung, ihr Leid, ihre Dankbarkeit und ihre Kraft angesichts der realen Todesgefahr und der Angst, die sie gepackt hatte.

Immaculée Ilibagiza erzählt, wie sie den Völkermord in Ruanda vom April bis Juli 1994 überlebt hat. Wie sie alles, fast ihre ganze Familie verloren hat; nur ihr ältester Bruder hat überlebt. Sie spricht mit Pausen, um sich zu fassen. Ihre Stimme bricht mehrmals. Im Saal ist es still. Tausende hören nur sie. Auch ich greife in die Lehne meines Sitzes, versuche zu fassen, was sie da berichtet. Es ist unglaublich, wie anmutig und standhaft sie spricht, trotz allem.

In diesem Moment bin ich weit weg von Chicago, bin mit Immaculée Ilibagiza in Ruanda. Ich ducke mich mit in die Badewanne, in der sie sich nächtelang in einem fremden, zerstörten, verlassenen Haus versteckt hat, in unmittelbarer Nähe hasserfüllter Mörder. Wo sie Tränen verschluckt hat, um kein Geräusch zu verursachen. Und doch kann ich nur ahnen, wie tief ihre Angst sitzen musste. Eine Gänsehaut überzieht mich. Wie konnte diese Frau daran nicht zerbrechen? Der Kloß in meinem Hals lässt mich kaum schlucken.

Und dann, mit festem Blick, macht sie deutlich: Keine Rache, keine Gewalt, keine Verfolgung, keine endlose Anklage führen da heraus. Sondern Vergebung. Immaculées Heilung ist durch Versöhnung gekommen, mit dem, was passiert ist. Sie hat den Mördern ihrer Familie vergeben, hat Heilung und Frieden finden können. Gott hat ihr die Gabe verliehen, auch anderen den Weg aus dem Hass zu zeigen.

Mir wird klar: Gott schenkt auch mir die Kraft der Versöhnung, selbst in Anbetracht der dunkelsten Erlebnisse und Gedanken. „Du kannst Versöhnung zulassen, du kannst heil werden.“ Immaculée Ilibagiza spricht in mein Herz. Alle Anspannung, die ich mit Blick auf das Leid verspürt habe, fällt ab. Die Kälte, die mit der Erzählung gekommen ist, weicht der Wärme der Versöhnung. Eine befreiende Träne rinnt mir über die Wange. Wir weinen zusammen, Menschen links und rechts neben mir und auch sie, Immaculée. Zugleich fängt sie an zu strahlen. Auch mir wird mit einem Strahlen immer klarer, wie tief Versöhnung geht. Welche Kraft sie freisetzt. Wie sehr Gott auch mich in diesem Moment durch die Worte anspricht, einen Schritt nach vorn bewegt, mein Herz erfüllt und mir Ziele vor Augen setzt.

Gott hat Immaculée das Leben neu geschenkt. Damit sie erzählen kann. Gott befreit zum Leben.

THERESE CHARLOTTE ROPPEL

ist Vikarin in der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM).

Aufgezeichnet von Jörg Podworny.