Der Leitungskongress 2018 in Dortmund hat Osvaldo Ratzlaff ermutigt, eine seiner größten Gaben für Jesus einzusetzen: Fußball-Begeisterung. Seine Leidenschaft hat Ratzlaffs Sicht aufs Dienen verändert – und ist zu einem Segen für andere geworden.

Jesus, so schien ihm, könne er ohne Fußball mehr dienen.

Fußball ist Teamsport. Man setzt sich ein für seine Mannschaft, rennt und schwitzt für die Mitspieler, hält ihnen den Rücken frei. Auch wenn Spiele hart sein können und der Erfolg ausbleibt: Man würde deshalb nicht die Verbundenheit zur Mannschaft grundsätzlich in Frage stellen oder gar den Sport selbst. Fußball ist Leidenschaft.


Für Osvaldo Ratzlaff sind das selbstverständliche Grundsätze. Fußball ist für ihn so elementar wie für andere der Kaffee zum Frühstück: nicht überlebenswichtig, klar, aber ohne wäre der Alltag ziemlich trist. Was Osvaldo erst herausfinden musste: Die eigene Leidenschaft kann auch zum Segen für andere werden. Was er im vergangenen Jahr erlebte, ist eine Geschichte von verlorener Orientierung, einer mutigen Entscheidung und der neu entdeckten Freude am Dienen.
Osvaldo ist gern unter Leuten. Die meisten, die mit ihm zu tun haben, respektieren ihn. Was er denkt, spricht er aus, ohne Furcht, dass es ihm einer krummnehmen könnte. Er versteht sich als »Malocher«, einer, der anpackt, wenn Arbeit ansteht oder andere auf Hilfe angewiesen sind. »Osvaldo, mach langsamer, du musst auch mal abschalten!«, sagen Bekannte ihm. Er entgegnet dann, dass sein Blutdruck bei 110 zu 70 liege, keine Sorge! Er sei eben ein Macher.


Der 38-Jährige vereint viele Eigenschaften, die besonders im Fußball geschätzt werden. Lange hat er die Reservemannschaft des TSV Oerlinghausen trainiert. Mehrmals die Woche leitete er das Training des ostwestfälischen Vereins, coachte die Mannschaft regelmäßig vom Spielfeldrand aus. In manchen Wochen bedeutete das mehrere hundert Kilometer Autofahrt – nur für sein Hobby.


Aber Osvaldo ging es um mehr als Sport: Oft sagte er den Spielern, dass sie immer zu ihm kommen könnten, wenn sie Probleme hätten. Er wollte Ansprechpartner sein und Vorbild. Osvaldo hoffte, seine Teamkollegen irgendwann in den Gottesdienst einladen zu können, ohne sie abzuschrecken. »Über der Gemeinde steht bei mir, Menschen zu helfen. Vor allem denen, die nicht in die Gemeinde gehen«, sagt er.


Aber teilweise kam es ihm vor, als lebte er auf zwei unterschiedlichen Planeten: der Evangelischen Freikirche, die er mit seiner Frau Melanie und ihren drei Kindern besuchte, und dem Fußballverein, für den er die Gottesdienste an manchen Sonntagen fluchtartig verließ. Für ihn fühlte es sich so an, als müsste er sich für die eine Gemeinschaft oder die andere entscheiden, wenn es ihn nicht zerreißen sollte. Also kehrte er dem Fußball-Trainerjob den Rücken. Er wollte sich noch mehr einsetzen in seiner Gemeinde, wo er hauptsächlich im Wirtschaftsvorstand tätig war. Jesus, so schien ihm, könne er ohne Fußball mehr dienen.

Eine zündende Idee

Und dann sagt Juliet Funt, im Februar 2018 in einem Vortrag: »Erst in den strategisch angelegten Pausen kommen großartige Ideen. Aber die Pause wird verdrängt durch die Tyrannei der Dringlichkeit.« Die Beraterin ist eine der Referentinnen beim Willow -Creek-Leitungskongress in Dortmund. Und sie spricht genau in Osvaldos Situation. Denn in seiner Gemeinde rannte er gegen ein Hamsterrad an. Durch den Ausstieg aus dem Fußball hatte er zwar mehr Zeit, sich um Gemeindeangelegenheiten zu kümmern: um Mietverträge, Angebote für neue Fenster und Bänke; was eben anfiel. Aber solche Aufgaben übernahm er schlicht, weil er gelernter Kaufmann ist. Mit Leidenschaft hatten diese Tätigkeiten nichts zu tun. Vielleicht hielten sie ihn sogar vom Wesentlichen ab.

Aber was ist das für ihn: das Wesentliche? Um für sich und seine Mitmenschen ein neues Feuer zu entfachen, fehlt eine zündende Idee. Oder hat er sie längst – und will sie sich nur nicht eingestehen?

 

›Zukunft, Hoffnung, Kirche‹: Unter diesen Schlagworten steht der Kongress. »Eine zukunftsfähige Kirche lebt nicht isoliert in ihrer eigenen Filterblase. Sie setzt sich in Bewegung und verändert sich«, heißt es in der Ankündigung. Bei Osvaldo Ratzlaff, der zum ersten Mal einen Kongress besucht, trifft dieses Motto ins Schwarze. Genau an diesem Punkt, der isolierten Gemeindearbeit in der eigenen Filterblase, empfindet er Änderungsbedarf.


Auf dem Kongress machen die Referenten den Teilnehmern Mut, Visionen wirklich umzusetzen, wenn man sie von Gott aufs Herz gelegt bekommt. Auf Osvaldo wirken viele Ratschläge erfrischend handfest. »Tue jeden Tag etwas Konkretes, das andere bereichert«, sagt etwa der Autor John C. Maxwell. Er berichtet, wie eine junge Frau aus Paraguay ihn bat, eines seiner Bücher für sie zu signieren. Das Exemplar wolle sie dem Präsidenten Paraguays überreichen – ohne ihn zu kennen. Sie hoffte, dass Maxwell daraufhin vom Staatsoberhaupt eingeladen würde und ihm bei der Gelegenheit Ratschläge zu einer werteorientierten Führung erteilen könnte. Drei Monate später erhielt Maxwell eine Einladung vom Präsidenten, es kam tatsächlich zu einem gemeinsamen Treffen. Mittlerweile bilden Maxwell und sein Team regelmäßig Führungspersonen in Paraguay fort und sind dort an Schulen tätig – weil eine junge Frau sich ein Buch hatte signieren lassen ... Kleines kann Großes bewirken – das imponiert Osvaldo, der selbst in Paraguay geboren ist.


Er und seine Ehefrau fühlen sich durch den Kongress aus der Reserve gelockt, sie wollen aktiv werden. »In Jesu Namen«, sagt Melanie Ratzlaff auf der Rückfahrt plötzlich zu ihrem Mann. »Lass uns eine Fußballschule gründen!« Fußball sei doch seine Passion, und er verstehe es, andere mitzuziehen, positiv zu prägen. Das könne man doch nutzen, um auf den Glauben aufmerksam zu machen, motiviert sie ihn.
Wenn Osvaldo Ratzlaff heute davon erzählt, lacht er laut, als finde er die Idee nach wie vor völlig verrückt. Gerade für Jesus hatte er die Fußballschuhe doch an den Nagel gehängt! Andererseits: Es wäre die ideale Möglichkeit, mit kirchenfernen Menschen als Team zusammenzuwachsen. Und Osvaldo müsste im Fußballverein nicht mehr allein Werbung machen für Gottesdienste am Sonntag: Alle Mitarbeiter würden aus Gemeinden kommen, und könnten Vorbilder für die Kinder sein. Vielleicht könnte das Fußballcamp selbst zum Gottesdienst werden. Und sollten sich genug Sponsoren finden für so ein Projekt, könnte man den Gewinn direkt für eine gute Sache spenden.


Diese ›Sache‹ war dann schnell gefunden: Watoto, eine Organisation, die unter anderem in Uganda bedürftige Kinder und Familien unterstützt. In sogenannten Watoto-Dörfern sollen besonders Waisen und Frauen in einem geschützten Umfeld gefördert werden. ›Kicken für Watoto Uganda‹: Das sollte eine Losung dafür werden, wie aus Leidenschaft etwas Größeres entstehen kann.

»Ich hätte nie gedacht, dass ich für Jesus gut genug bin.«

Jeder ist ein Vorbild

Im vergangenen Oktober startete das erste Fußballcamp ›Kicken für Watoto Uganda‹. 43 Kinder hatten sich für die fünf Tage angemeldet. Aus acht Gemeinden stellte Osvaldo ein 65-köpfiges Team zusammen, das entweder direkt beteiligt war – etwa als Coach, Fahrerin oder Koch – oder als Sponsor von der Sache überzeugt werden konnte. Sogar zwei ehemalige Spieler des nahegelegenen Profivereins Arminia Bielefeld unterstützten die Fußballschule, kickten einen Tag mit den Kindern und schrieben Autogramme.
Viele der sportlichen Betreuer besitzen einen Trainerschein; einige der Übungen werden im Training bewusst abgewandelt, denn Osvaldo ist es wichtig, den Teamgedanken immer in den Vordergrund zu stellen. Als die Kinder beispielsweise bei einer Übung um den Ball kämpften, sollten sie das Hand in Hand tun.


Die Trainer betreuen dabei über die Dauer des Camps stets die gleiche Kindergruppe. Dadurch lernen sie die kleinen Spieler kennen und können besser auf deren Bedürfnisse eingehen. Lisa-Maria Kampmann, eine der Trainerinnen, spielt selbst seit langem aktiv Fußball im Verein. Sie findet, die Fußballschule verbinde zwei wichtige Elemente in ihrem Leben: den Lieblingssport und ihren Glauben. »Ich spiele leidenschaftlich Fußball und bringe es anderen auch gerne bei«, sagt sie. »Aber viel mehr erfüllt es mich zu wissen, dass Gott uns damit die Möglichkeit schenkt, uns für ihn einzusetzen.«



Auch wenn in der Fußballschule keine direkte Evangelisation stattfinden soll, beten die Mitarbeiter vor jedem Essen, um dafür zu sensibilisieren, »dass das Essen nicht vom Himmel fällt«, wie Osvaldo sagt. Kinder sollen begeistert werden durch den gemeinsamen Sport und durch die Mitarbeiter: »Wir wollen einfach so sein, wie Jesus es in der Bibel sagt: ›Liebe deinen Nächsten‹«, sagt er. Er glaubt, wenn Kinder begeistert sind, dann weckt das auch bei den Eltern Interesse.


Kurz nach Ende der ersten Fußballschule traten die Kinder des ›Watoto Children’s Choir‹ aus Uganda in der Mennonitengemeinde Bechterdissen, Ostwestfalen, auf. Gesang und Gottesdienst. Osvaldo überreichte dem Chor offiziell den durch die Fußballschule erzielten Betrag von rund 6.800 Euro. Im Vorfeld hatte er auch alle Sponsoren eingeladen, als Geste der Dankbarkeit – aber auch, damit sie etwas von Jesus hören. Und viele Sponsoren seien begeistert gewesen vom Gottesdienst, berichtet er. Im Dienst mit dem Fußball blüht Osvaldo auf. Er sagt: »Ich hätte nie gedacht, dass ich für Jesus gut genug bin.«

›Kicken für Watoto‹ – hier erhalten nicht nur Fußballinteressierte die Möglichkeit zur Mitarbeit. Viele Ehrenamtliche können sich nun ganz unterschiedlich einbringen: Osvaldos Ehefrau Melanie kümmert sich um die Verpflegung und die Organisation der Mitarbeitenden. Die 13-jährige Tochter Celina registriert jeden Morgen die ankommenden Kinder und verschickt Grußkarten an Teilnehmer. Mitarbeiter aus verschiedenen Gemeinden bringen sich als Motivatoren ein.


Ein Mitarbeiter wie Michael Koch veröffentlicht Textbeiträge auf Instagram und Facebook, um über die Fußballschule zu informieren. Wenn er vom Fußballcamp erzählt, scheint Fußball nur eine nachgeordnete Rolle zu spielen. Er will vor allem dazu beitragen, dass mehr Leute von Jesus erfahren. Michael erinnert sich, dass er nur zum Glauben kam, weil ihm ein Freund von Jesus erzählte. Diese Rolle will er nun selbst übernehmen. Die Fußballschule gibt ihm dafür die Möglichkeit.


Jeder ist gleich wichtig, den Gedanken hatte Osvaldo beim Kongress in Dortmund vom Hotelier Horst Schulze mitgenommen, dem Gründer der Ritz-Carlton-Kette. In dessen Hotels verfügt jeder Angestellte – von der Leitungsebene bis zu den Reinigungskräften – über die gleiche Summe, durch die unzufriedenen Gästen eine Entschädigungsleistung finanziert werden kann – ohne dass diese gegenüber der Hotelleitung gerechtfertigt werden müsste. So entsteht ein vertrauensvoller und würdevoller Umgang unter den Mitarbeitern. Denn jeder zählt gleich viel.


Unmittelbar vor dem Start der Fußballschule rief ein Junge bei Osvaldo an. Er wollte mithelfen, glaubte aber nicht, dass er gut genug sei im Fußball. »Ich kann mich aber um den Müll kümmern«, sagte er. »Dann kümmere dich in Jesu Namen um den Müll«, antwortete Osvaldo. Als alle Mitarbeiter zum Ende des Camps auf gelungene fünf Tage zurückblickten, erklärte der Junge, er hätte sich ja lediglich um den Müll und die Getränke gekümmert. Osvaldo erwiderte: »Mein Freund, du bist genauso wichtig wie ich und jeder andere im Team hier.« Und er fügte hinzu: »Alle hier sind Vorbilder für die teilnehmenden Kinder. Nur weil du genauso vorbildlich warst, hat unser Team als Ganzes funktioniert.«

Dieses Erlebnis gefällt Osvaldo Ratzlaff besonders gut. Es zeigt, wie man füreinander einsteht – wie eine Mannschaft eben: Man rennt und schwitzt für die Mitspieler, man hält ihnen den Rücken frei. Es ist ja auch eine Leidenschaft.

Shea Westhoff ist Journalist und lebt in Berlin.